Brief
Warum, lieber Carl, erfinden wir Jemande?
Ein Brief an
Carl Stumpf
Entstanden 2024
Autorin: Antje Garrels-Nikisch
Gelesen von Edith Hueck
Winterthur, 20. Juli 2024
Lieber Carl,
ich nehme mir heraus, dich zu duzen, weil es mir wichtig ist, unter eigensinnigen Fachkollegen auf Augenhöhe zu kommunizieren, um wissenschaftlich weiterzukommen. Darf ich mich vorstellen? Ich bin Organisations- und klinische Psychologin mit einem Faible für Neurokognitionswissenschaften und Informationstechnologie. Und dir scheint es um etwas gegangen zu sein, um das es mir noch heute geht. Sofern ich dein wissenschaftliches Anliegen auf den ersten Blick richtig einschätze, wollest du wirklich verstehen, wie der Hase ‚charakteristisch menschlichen Verstands' in Bezug auf das mentale Phänomen Wahrheitsempfinden läuft.
Du hieltest es auch für nötig, bei Bedarf den wissenschaftlichen Stand in dieser Sache zu aktualisieren; du sagtest nämlich:
Es ist freilich wahr, daβ oft genug Evidenz, ja Selbstverständlichkeit für Sätze in Anspruch genommen wurde, die nachher als falsch erkannt wurden, nicht nur im gemeinen Denken, sondern auch in der Wissenschaft, sogar in der exakten Naturwissenschaft. So hat man lange Zeit den Satz, Bewegung könne nur Bewegung erzeugen, die Grundlage der mechanischen Weltanschauung, für denknotwendig gehalten, noch länger erhielt sich der Satz, daβ die Natur keine Sprünge mache, während die heutige Physik in beiden Beziehungen anderen Anschauungen huldigt oder wenigstens Zweifel für möglich hält. Solche Beispiele müssen eine Mahnung sein, beständig die Vorratskammer unserer Überzeugungen zu durchmustern und jede auf ihre Herkunft und Legitimation zu prüfen, um nicht durch die blinden Motive der Gewöhnung, der Autorität usw. in Fesseln geschlagen zu werden.[1]
Ja, lieber Carl, ich kann Klartext mir dir reden, denn du selbst hast es auch getan. Und du hast, was du selbst dachtest, nicht mehr oder weniger wichtig genommen, als das, was andere sagten. Zumindest als philosophierender psychologisch Forschender: sofern es also dein wissenschaftliches Faszinosum betraf. Darüber dass Theorie selbst dann Theorie bleibt, wenn manche Menschen ihre für wahr halten, und dass Wahrheit begrenzt gültig bleiben müsste, wären wir uns also einig.
Wir hätten dabei auch deinen Zeitgenossen Max Weber, Handlungstheoretiker der ersten Stunde, im Boot. Er sagte:
Aber der Dilettantismus als Prinzip der Wissenschaft wäre das Ende. Wer ‚Schau' wünscht, gehe ins Lichtspiel: – es wird ihm heut massenhaft auch in literarischer Form auf eben diesem Problemfeld geboten. Nichts liegt den überaus nüchternen Darlegungen dieser Absicht nach streng empirischen Studien ferner als diese Gesinnung. Und – möchte ich hinzusetzen – wer ‚Predigt' wünscht, gehe ins Konventikel.[2]
Weber sprach weniger diplomatisch als du, lieber Carl, konnte also seine Frustration, in dem Moment, als er dies schrieb, scheinbar weniger gut verbergen als du in deinen Schriften.
Nicht unbedingt sich selbst, aber sowohl seine Theorie als auch seine Methode brachte er angesichts ihres späteren, divers durchschlagenden Erfolgs in eine bisher robuste Spur. Webers Respekt, sich mit persönlicher Kritik an anderen zurückzuhalten zeigte sich in einem genialen Einfall: Er formulierte – vermutlich zunächst völlig intuitiv, also ohne es bewusst geplant zu haben – anthropomorph animistisch simulierbare Idealtypen. Basiert seine Handlungstheorie darauf, dass er selbst Figuren phantasieren musste, sich also hilfreich ‚Jemande' hinzudachte, nach deren rationalem Handeln er suchen konnte? Ich glaube schon. Ob philosophisch oder wissenschaftlich motiviert, lieber Carl, entsteht jede Theorie individuell implizit naiv, bevor sie explizit formuliert werden kann!
Und jetzt, lieber Carl, lass' es dir auf der Zunge zergehen: Stell' dir vor, du könntest ohne viel Aufwand beweisen, dass Menschen laufend anthropomorph animistisch simulieren. Magst du dich mal kurz denkspielerisch auf den Gedanken einlassen? Hast du ihn erfasst? Das war's schon. Wenn du mich fragst, ist zum akut bekannten Stand der Wissenschaft animistisch zu simulieren der Kopierprozess kultureller Evolution.
Nachdem ich bei dir, sollte mich nicht alles täuschen, gerade eine – unter uns Artgenossen selbstverständlich anthropomorphe – animistische Simulation ausgelöst haben müsste, biete ich dir an, sie noch anzureichern. Und zwar aus Sicht der Lage, in der ich mich befand, bevor ich auf meine wissenschaftlich zu prüfende Behauptung über dieses soziale Wahrnehmungsphänomen gekommen war:
Es sind die Jahre 2014 bis 2019, ich studiere am religionswissenschaftlichen Seminar, gehe aus und ein in Zürichs beindruckendem Grossmünster, der Kirche Zwinglis. In dieser so frisch-quirligen wie historisch aufgeladenen Umwelt fiel es mir als gebürtige Deutsche, zusammen mit meinem damaligen Buchwissen über das politische System der Schweiz und ersten Erfahrungen in einem zivilbürgerlichen Amt nicht schwer, mir vorzustellen, dass die Luther'sche Reformation von Beginn an ganz anderes orientiert war als die Zwinglis.
Ich will nicht auf Abwege geraten, lieber Carl, aber dies ist – wegen der wissenschaftlichen Meinungsfindung – zur Sache wichtig: Zwinglis Reformation war eine Reformation von unten. Eine wie wir inzwischen wissen, erfolgreich durch eine Gemeinschaft durchgesetzte. Könnte ein historisch festgestelltes Phänomen etwas sagen wollen, sagte die Züricher Reformation den Oberen der katholischen Kirche – sinnvoll gebündelt von Zwingli mit dessen Stimme – deutlich: Nicht mit uns! Fastenzeit oder nicht: wir essen Bratwurst.
Diese Aktion, lieber Carl, war, wenn du mich fragst, Teil einer Graswurzel-Transformation, die sich hinter der französischen Revolution nicht verstecken müsste; letztere könnte sich im Gegenteil – wegen der aus meiner Sicht allzu demonstrativen Inszenierung der gerollten Köpfe -- gerne eine Scheibe davon abschneiden. Ganz anders die Klage, die – falls stimmt, was ich schon wusste, als ich noch in Deutschland lebte – Luther dem Papst vortragen wollte: dass nämlich dessen mittleres Management egoistisch motiviert auf Abwege geraten sei, was der damalige Papst erstens wusste und ihn zweitens nicht störte.
Historische Erklärungen sind natürlich Interpretationssache – es kommt mir im Moment auch nicht darauf an, lieber Carl, ob diese Geschichte exakt so oder überhaupt stimmt, sondern auf die grobe Skizze. Und nicht einmal auf diese spezielle Skizze kommt es mir an, sondern darauf, dass erste ikonische, lautliche oder schriftliche Skizzen Menschen generell nützen, das ihnen Wesentliche eines eindrücklichen Gefühls in ein speicherbares Mem zu transformieren. Wird ein Mem – egal ob von meinem oder vom Verstand anderer – wieder entpackt, löst es dabei im entsprechenden Organismus erneut mehr oder weniger eindrückliche Gefühlserlebnisse aus. Ob es die von dir gewünschten mit der von dir gewünschten Konnotation sein werden, kannst du aus wissenschaftlicher Sicht nicht wissen.
Speicherst du also ein eindrückliches Gefühlserlebnis memetisch, lieber Carl, muss – ja kann es nicht einmal – das gleiche sein, unter denen ich das entsprechende Mem wieder entpacke. Es sollte ihm aber – so meine Theorie – umso ähnlicher sein, je treffender du dein Erlebnis erstmals skizziert hast. Kurz gefasst haben Meme gegenüber Erinnerungen den Vorteil kopiert und korrigierend bearbeitet werden zu können, sobald ‚im Horizont an der betreffenden Sache interessierter Menschen' neue, entsprechend relevante Information auftaucht. Es scheint auch unwesentlich zu sein, ob du oder jemand anderes das Mem (wieder) entpackt.
Lass uns den Fokus wieder fassen, lieber Carl: Hast du meinen Gedanken noch präsent? Alle Menschen simulieren anthropomorph animistisch. Das gehört in menschlichen Organismen zum Tagesgeschäft. Und hast du den Gedanken noch, angereichert mit meiner hervorragenden Lage in einem nicht theologischen Studienfach an einer sehr lebendigen theologischen Fakultät in einem geschichtsträchtigen Gebäude aus- und eingegangen zu sein, im Sinn? Ok.
Was tätest du an meiner Stelle, falls nun gefühlt „alle anderen" davon auszugehen scheinen, Animismus sei – wie es aus Sicht historisch Forschender praktisch und sinnvoll ist – eine, bis auf seltene Ausnahmen abgeschlossene Phase der Menschheitsgeschichte? So fühlte ich mich im Herbstsemester 2019 in meinem letzten Studienmodul in einem aus der Theologie angebotenen Seminar „Evolution der Religion": Zwar drin, aber wissenschaftskulturell weder theologisch noch religions- und kulturwissenschaftlich orientiert.
Zum Hintergrund nützt es zu wissen, dass das Seminar in dem Zeitraum und der Aufmerksamkeitsphase lief, in der ich intensiv an meiner Bachelorarbeit „Warum nicht Künstliche Intelligenz anbeten?" arbeitete. Und dass ich parallel auch ein von religionswissenschaftlicher Seite aus soziologischer Sicht angebotenes Seminar namens „Funktion der Religion" absolvierte, das ich mit einem Brief an den Sozialtheoretiker Talcott Parsons abschloss, der von 1902 bis 1979 lebte. Mit dem Formulieren des Briefs an ihn, lieber Carl, hatte ich mir einen aktuell empirisch belastbar schlüssigen Begriff des sozialen Phänomens Kultur erarbeitet.
Mir waren damals auch noch lebhaft die detaillierten Gedanken und das Ergebnis meiner Abschlussarbeit „Was für ein Mensch ist Mutter Erde?" präsent, die ich für das religionswissenschaftliche Seminar „Religiösen Alltagstechniken auf der Spur" von 2017 verfasst hatte. Darin erschloss ich mir eine entscheidende Differenz zwischen „wissenschaftlich" einerseits und „spirituell/esoterisch/religiös" andererseits. Auch die gedankliche Arbeit und das noch etwas diffuse Ergebnis des Essays „Unfassbare Macht? Religiöse Macht und Phänomenologie in der Religionswissenschaft" von 2016 hatte ich nicht vergessen.
Das war die Gemengelage, lieber Carl, als ich im Seminar „Evolution der Religion" saβ und mich von Veranstaltung zu Veranstaltung fragte, warum das Thema Evolution der Religion aus theologischer Sicht problemlos behandelbar war, in meinem Fach Religionswissenschaft aber nicht?
Inzwischen verstehe ich meinen Fehlschluss und frage mich heute, warum ich mir so lange selbst auf dem Schlauch stand: Ich hatte damals angenommen, wer theologisch arbeiten wolle, müsse religiös gläubig sein. Inzwischen gehe ich davon aus, religiös zu glauben ist dafür kein Hinderungsgrund, sofern darauf geachtet wird, die eigene Vorstellung von Gott nötigenfalls anzupassen. Ich hätte meinen Irrtum früher erkennen oder gar vermeiden können, da ich 2018, bei dem Alttestamentler, der auch „Evolution der Religion" anbot, die Vorlesung „Eine kurze Geschichte Gottes" über Gottesbilder im historischen Verlauf belegt hatte.
Um zum Ende zu kommen, lieber Carl, begann ich aus diesem Fundament heraus zu begreifen, dass das sozio-kognitive Phänomen Hermeneutik der springende Punkt einer Erklärung dafür ist, dass heute in der Tradition geisteswissenschaftlichen Forschens, unter der Erkenntnistheorie Philosophische Anthropologie, in der Kulturanthropologie und der Strömung Qualitative Sozialwissenschaft rund um das Forschungsobjekt Mensch Texte zusammengefasst, kritisiert und de-konstruiert werden, was die neuronalen und semantischen Netzwerke nur hergeben. Allerdings ohne klar erkennbare Anstrengungen, das Phänomen 'charakteristisch menschlicher Verstand' angemessen schlank definieren und modellieren zu wollen. Wie aber sonst, lieber Carl, sollten aus allen wissenschaftlichen Perspektiven empirisch belastbare Aussagen von empirisch weniger gut belastbaren getrennt werden? Am besten in einem über alle Disziplinen hinweg gemeinsamen Vorhaben, endlich ein wissenschaftskulturell neutrales, verbesserbares Modell 'charakteristisch menschlichen Verstands' anzugehen?
Die Erkenntnislage ist schon jetzt die beste, die wir je hatten! Die Theorie Kulturelle Evolution ist bereits nach dem Grundmodell der biologischen Evolutionstheorie modelliert. Und mit den ambivalent diskutierten, rasanten Fortschritten der Technologie Künstliche Intelligenz tut sich vielleicht gerade eine weitere anthropologische Differenz auf, die uns helfen könnte, den gefühlt ewigen Konflikt ‚Monismus versus Dualismus' endlich mit zukunftsgerichteten Ergebnissen beizulegen!
Willst du, lieber Carl, nämlich wie ich es wollte, wissenschaftskulturell naturalistisch-konstruktivistisch, aber nicht kulturrelativistisch orientiert, zum Thema Mensch arbeiten, darfst du es auch in Fächern geisteswissenschaftlicher Tradition gern tun. Aber mach' dich darauf gefasst, in einen Wald zu rufen, aus dem nur sehr selten argumentativ treffend Formuliertes zurückschallt. Ich nehme an, du wusstest, wie sich das anfühlt?
Max Webers eigensinniger Arbeitsweise hingegen muss, gemessen an folgender Verteidigungsreaktion, zumindest noch einiger Unmut entgegengekommen sein, da er schrieb:
Das ungeheure Mißverständnis [...], als ob eine „individualistische" Methode eine (in irgendeinem möglichen Sinn) individualistische Wertung bedeute, ist [...] auszuschalten [...]. Auch eine sozialistische Wirtschaft müßte soziologisch genauso „individualistisch", d. h. aus dem Handeln der Einzelnen heraus deutend verstanden werden [...].[3]
Ich bin mir nicht sicher, ob mir freundliches Schweigen lieber wäre, als wortreiche Angriffe mit wissenschaftlich zahnlosen Argumenten. Für mich ist es ok, wie es ist, ich bin nicht mehr unter Druck, wissenschaftlich Karriere machen zu müssen. Um zum Ende zu kommen, lieber Carl, fühlte sich das Ganze so enorm spannend an, dass ich, als das Studium absolviert war, im Sinne experimenteller Archäologie eine eigene Idealtypenformulierung simulierte.
Ich tat dies, indem ich begann Max Weber genau darüber einen Forschungsbericht in 10 Briefen aus meiner Anthropozänlage in „seine" Moderne zu schreiben, der kurz vor der Fertigstellung steht. Fragst du mich, lieber Carl, mag sich 'via Forschungsbericht formulieren' zu forschen skurril anhören, funktionierte aber. Wie nebenbei konnte ich meine ambivalent irritierenden Studienerlebnisse, erkenntnistheoretisch sicher gehalten, angesichts guter Quellenlage empirisch sicher, philosophisch tastend und theoretisch breit abgestützt wissenschaftlich aufarbeiten.
Mit kollegialen Grüβen, wünsche ich deinem memetischen Vermächtnis das Allerbeste!
[1]: Stumpf 2011 (1939 Erkenntnislehre): 64.
[2]: Weber 1988 (1920): 14.
[3]: Weber 1972 (WuG ) 1921/1922): 9.