Dir kann ich's ja sagen, lieber Max,
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sehr „sapiens" erscheint es
mir nicht, ...
Eine Forschung in zehn Briefen aus dem Anthropozän an den Sozialtheoretiker Max Weber
Autorin: Antje Garrels-Nikisch
Brief 1
INDUKTION
Der Forschungsauftrag
Berichtszeit: 2025
Lieber Max,
was für ein Projekt, dir – jemandem, der vor einhundert Jahren gestorben ist! – ernstgemeint Briefe zu schreiben! Dennoch bist du die mit Abstand beste Adresse für den Schlussbericht einer Forschung, die nicht geplant war und trotzdem dazu führte, dass du ihn jetzt erhältst. Du brachtest nämlich mit deiner speziellen Methode Idealtypenformulierung eine Theorie nahezu perfekt beobachtbar in Form und ins öffentliche Arbeiten, deren Zustandekommen mich wegen meines eigenen Forschungsproblems interessiert!
Du kannst ja deine Statements nicht mehr relativieren oder gar angesichts neuerer Erkenntnisse zurücknehmen! Mein Plan ist aber schon eine Mutprobe, denn du sagtest:
Aber der Dilettantismus als Prinzip der Wissenschaft wäre das Ende. Wer ‚Schau' wünscht, gehe ins Lichtspiel: – es wird ihm heut massenhaft auch in literarischer Form auf eben diesem Problemfeld geboten. Nichts liegt den überaus nüchternen Darlegungen dieser Absicht nach streng empirischen Studien ferner als diese Gesinnung. Und – möchte ich hinzusetzen – wer ‚Predigt' wünscht, gehe ins Konventikel.[1]
Wie du dich hier zeigst, und wüsste ich sonst nichts von dir, würde ich dich einen Scientific Native nennen, dich also für jemanden halten, der, wenn's ihm wirklich drauf ankommt, wissenschaftlich gewonnenen Erkenntnissen am ehesten vertraut! So gesehen ist es wahrscheinlich überambitioniert, mich gerade an dich zu wenden. Andererseits kann ich nur gewinnen – sollte ich nämlich auf dem Holzweg damit sein, dass sich deine Methode zur Lösung meines Problems eignet, muss ich es wissen, um bei nächstbester Gelegenheit anders ansetzen zu können. Es ist mir nämlich wichtig, in meinem Leben zumindest Einiges zu tun, lieber Max, für das ich mich aufrichtig schätze. Und was das Forschen betrifft, gehört, unabhängig davon, ob ich dies für mich oder für andere tue, realistisch belastbare Steuerungsinformation zu generieren in erster Linie und in jedem Fall dazu. Fühle dich also herzlich eingeladen, mich beim Testen deiner Methode in meinem Forschungsfall zu begleiten! Dein Anspruch motiviert mich, mir besonders fest auf die Agenda zu setzen, strikt empirisch vorzugehen und weder Feindbilder noch Heilsbotschaften zu verbreiten.
Nun steht das Forschungsergebnis und du erhältst meinen Bericht aus dem Anthropozän – stell' dir bitte, bis du Näheres erfährst, mein Anthropozän ersatzweise als deine Moderne vor. Wie es zu der Sache kam, ist schnell erzählt. Von 2012 bis 2019 studierte ich an der Universität Zürich (UZH) im Rahmen eines sozialwissenschaftlichen Studiums zwei Fachdisziplinen an zwei Fakultäten: Populäre Kulturen an der philosophischen und Religionswissenschaft an der theologischen und schloss beide Fächer mit dem Bachelorgrad ab.
Dort wurde mein Studieren vom ersten Semester an ungeplant zum Forschungsfeld, weil ich das sofort eingetretene und nachhaltig anhaltende ambivalente Gefühl verstehen wollte, darin a) völlig falsch und b) gleichzeitig absolut richtig gelandet zu sein! Das ambivalente Gefühl, lieber Max, das als Induktionszündung eines langen Forschungswegs wirkte, ist wirklich so schnell erzählt. Aber eine Induktion erklärt ja eine tatsächlich eingetretene Konsequenz nicht; ich muss daher detaillierter berichten: Wegen dieser faszinierend verwirrenden Lage absolvierte ich mein Studium insofern als Studienreise, als dass ich das Feld im Rahmen aller Pflichten und darin getroffenen Wahlen explorierte und insofern als Forschungsreise, als dass ich dabei laufend die Grenzen meiner mentalen Anpassungsbereitschaft an die studierten Fächer beobachtete und experimentell prüfte. Das ergab acht Jahre Feldforschung, der eine mehrjährige Auswertung mitgebrachter Funde und durchgeführter Feldexperimente folgte. Dabei gewann ich Einblick ins wissenschaftliche Kerngeschäft Theoriebildung und -formulierung, indem ich vorging wie eine experimentelle Archäologin, die mit einem Testtypus eine Idealtypenformulierung durchführte.
Du wirst verstehen, lieber Max, dass es mir nach langen Jahren einer engagierten Forschung nicht leichtfiel, einen abschlieβenden Bericht abzuliefern. Inzwischen ist jedoch ein Stadium erreicht, in dem ich genau weiβ, warum ich was wie sage, ohne es in dem Moment zu wissen, in dem ich es „rein intuitiv" hinschreibe. Meine Theorie muss jetzt raus, weil die Realität nachquellender Erkenntnisse nicht stehenbleibt. Funktioniert sie so gut wie ich denke, kann sie nur externe Prüfung in der sozialen Realität, für die sie gedacht ist, robuster machen. Andernfalls muss sie teilweise oder ganz scheitern.
Tatsächlich brauchte ich gar nicht so lang, gemessen daran, dass Charles Darwin Jahrzehnte und einigen Zuspruch durch seinen treuen Sponsor mit dringendem Hinweis auf externen Wettbewerbsdruck brauchte, um sich zuzutrauen, seine Evolutionstheorie zu publizieren. Jahrzehntelang arbeitete auch dein soziologischer Nachfolger Niklas Luhmann im Rahmen einer festen Anstellung an der Universität Bielefeld daran, seine Theorie Funktionale Differenzierung immer detaillierter auszuführen. Ich halte die Tatsache, dass beide sozial und finanziell abgesichert waren, für eine fundamentale Komponente ihrer Theorien: ohne sicheres Netz unterwegs hätte ich ja selbst nicht so ausgiebig forschen können.
Zurück zur Sache, lieber Max, begann ich, damals fünfzig Jahre alt, nur in Zürich zu studieren, um einige Pflichtsemester als Einstiegsvoraussetzung in ein Masterstudium Nachhaltige Entwicklung an der Universität Basel abzuleisten. Das war mir nach einer 2011 abgeschlossenen Qualifikation Master of Advanced Studies Umwelttechnik und -management (MAS-U) an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), Sparte Hochschule für Life Sciences, als mein nächstbester Schritt erschienen.
Anlässlich einer Studiengangsberatung erfuhr ich damals, dass ich nicht alle Bedingungen zur Immatrikulation erfüllte. Zwar hatte ich 2003 an der Universität Bremen einen Diplomabschluss in Psychologie erworben und ein Universitätsdiplom wurde grundsätzlich als Zugangsvoraussetzung für das gewünschte Masterstudium anerkannt, doch traf das leider nicht auf mein Fach und zwei kleinere humanwissenschaftliche Zusatzqualifikationen -- Psychobiologie und Der Mensch: Anthropologie heute – zu. Immerhin wären mir die Kreditpunkte des Umweltmasters angerechnet worden und eine kleinere akademische Qualifikation in Technology Assessment, die sich in Kreditpunkte umrechnen lieβ, ebenfalls. Glücklicherweise musste ich also mein Portfolio nur mit noch zu erwerbenden Kreditpunkten eines entweder sozial- oder naturwissenschaftlichen Studiums auffüllen. Weil sein Name inspirierend frisch klang, immatrikulierte ich mich an der UZH für das sozialwissenschaftliche Fach Populäre Kulturen als Hauptfach, das ich noch um die Nebenfächer Ethik und Erdsystemwissenschaft ergänzte (von beiden zusammen erhoffte ich mir Handwerkszeug, um mir meine Arbeit als ehrenamtliches Mitglied des Coreteams einer Non-profit Klimaschutz-Organisation zu erleichtern).
Als ich 2014 mit genügend Kreditpunkten in mein Wunschstudium hätte wechseln können, hatte ich den Plan Nachhaltige Entwicklung zu studieren schon verworfen und wählte 2015 die Fächer Ethik und Erdsystemwissenschaft ab, um ein weiteres Hauptfach zu belegen: Religionswissenschaft. Was ich nicht wissen konnte, war, dass ich die Frage, warum es nicht selten vorkommt, dass Menschen Theorien glauben, als ginge es um Wahrheit, in diesem Fach keinesfalls würde direkt beantworten können.
Nun ja, lieber Max, Unsicherheit über schon getroffene Studienfachwahlen ist doch wirklich keine Schande? Ich nehme an, du wusstest, dass Darwin zweifacher Studienabbrecher war, bevor er auf Empfehlung seines Mentors als unbezahlte Hilfskraft zu der Reise eingeladen wurde, von der er inspiriert zu seiner noch immer enorm belastbaren Theorie zurückkam? So ist das mit Helden, lieber Max – wissenschaftliche machen da keine Ausnahme: rückblickend überstrahlt ihr Erfolg oft Faktoren, die den Erfolg ihrer Theorie vielleicht mit bedingten.
Einführung des Forschungsauftrags
Dass ich nicht wie geplant nach Basel wechselte, wäre vermutlich nicht passiert, hätte das neue Studium den Zweck des ursprünglich angestrebten Abschlusses nicht genauso gut oder besser erfüllt. Da musste ich genauer hinsehen, lieber Max, und explizit fragen: Was wurde beim Weiterstudieren in Zürich genauso gut oder besser erfüllt, da es ja zu einem anderen als dem geplanten Abschluss an der Universität Basel geführt hatte? Zu welchem übergeordneten Zweck war ich wissenschaftlich unterwegs gewesen? Das hatte ich schon angefangen herauszufinden, als ich im Januar 2020 die beiden Bachelorurkunden aus dem Briefkasten nahm. Umberto Eco trifft die Lage, aus der ich frage, ziemlich gut:
[...] das Aufklären eines Geheimnisses ist nicht dasselbe wie das Deduzieren aus festen Grundprinzipien. Es gleicht nicht einmal dem Sammeln von soundsovielen Einzeldaten, um aus ihnen dann auf ein allgemeines Gesetz zu schließen. Es ist eher so, daß man vor einer Anzahl von Tatsachen steht, die anscheinend nichts miteinander zu tun haben, und nun versuchen muß, sie sich als ebenso viele Einzelfälle eines allgemeinen Gesetzes vorzustellen, eines Gesetzes aber, das man nicht kennt, und das womöglich noch nie formuliert worden ist.[2]
Dem Geheimnis in dem, was Eco hier erklärt, entsprach a) dass ich in diesem Studium geblieben war, obwohl ich ein anderes hatte absolvieren wollen, dass dies b) damit verbunden zu sein schien, dass mir während des Studierens eine Vorstellung gekommen war, die sich c) so hartnäckig hielt, dass ich sie seit damals ernsthaft zu formulieren begann, und dass dies d) zudem noch mit der Ahnung verbunden war, das alles ließe sich wahrscheinlich via Idealtypenformulierung bestens erfassen und verstehen.
Ich gebe zu, lieber Max, dass ich anfangs eigentlich nur aus mir unerklärlicher Faszination unbedingt einmal mit Idealtypenformulierung arbeiten wollte. Kaum hatte ich aber mit deiner Methode zu spielen angefangen, verstärkte sich zunehmend der Eindruck, sie hätte sich meiner Rätselaufgabe geradezu aufgedrängt! Warum? Rein empirisch hätte ich die Lage nicht entwirrt, da musste Theorie her, die einige individuelle und soziale Komplexität verkraftet. Kurz gefasst, lieber Max, reagierte ich auf ein glasklares Gefühl, und gab, unklar, was davon zu halten war, meinem inneren Drang nach, es herauszufinden.
Exakt lässt sich wohl unmöglich sagen wie, aber aus meiner Studienwunsch- und Fachwahldynamik ergab sich implizit ein Forschungsauftrag in eigener Sache, der zu dem Ende 2019 gefassten Plan führte, eine naive idealtypische Theorie – sie war wirklich zuerst nur ein hartnäckiger Eindruck, lieber Max – in der Umwelt ihres Entstehens zurückzuverfolgen. Anders jedenfalls kann ich mir diesen unwiderstehlichen Drang, herauszufinden wie und warum passierte, was passierte, nicht erklären.
Das Spannende an Theorien scheint mir nämlich zu sein, dass du sie hast, bevor du auf ihr Wesentliches kommst, oder du womöglich gar nicht merkst, eine Theorie zu haben, sondern einfach von ihr ausgehst! Und was ist überhaupt idealtypische Theorie? Darüber grübelte ich unzählige Male, weil du nämlich sagtest, ein Idealtypus werde gewonnen:
durch einseitige Steigerung eines oder einiger Gesichtspunkte und durch Zusammenschluß einer Fülle von diffus und diskret, hier mehr, dort weniger, stellenweise gar nicht, vorhandenen Einzelerscheinungen, die sich jenen einseitig herausgehobenen Gesichtspunkten fügen, zu einem in sich einheitlichen Gedankenbilde.[3]
Ich bin mal so frei, dein einheitliches Gedankenbild eine Theorie zu nennen – war da zuerst Form oder Inhalt oder ein ungetrennter Komplex? Dich kann ich nicht mehr fragen, aber was du da eben als eine Lösung beschriebst, ähnelt meiner damals so verwirrenden Lage -- nur eben andersherum: vom gefühlten Zustand meiner Rätselaufgabe vor deren Lösung! Wie also kommt es von einer ersten, sich relativ sicher anfühlenden Idee zu einer formulierten Theorie? Nicht nur einer idealtypischen, sondern einer wie auch immer philosophisch oder wissenschaftlich motiviert formulierte Theorie – die sich eigenen skeptischen Anfechtungen gegenüber robust erweist?
Ein Anhaltspunkt kommt von Charles Darwin, dessen Evolutionstheorie zweifellos viel individuelle und soziale Komplexität verkraftet. Du scheinst nämlich zum Thema Theoriebildung und -formulierung wie er gedacht zu haben, dass es in der entstehenden Theorie keinesfalls nur, aber auch entscheidend auf Charakteristika der theoretisierenden Person ankommt!
Laut ihm spielen sowohl hartnäckige Vorstellungen als auch persönliche Passion und Urteilsbereitschaft wichtige Rollen dabei, dass Menschen Theorien formulieren; lies selbst, was er sagte:
Die Einbildungskraft ist eine der höchsten Prärogative des Menschen. Durch dieses Vermögen verbindet er unabhängig vom Willen frühere Eindrücke und Ideen und erzeugt damit glänzende und neue Resultate. [...]. Der Werth der Producte unserer Einbildungskraft hängt natürlich von der Zahl, Genauigkeit und Klarheit unserer Eindrücke ab, ferner von dem Urtheil und dem Geschmack bei der Auswahl und dem Zurückweisen der unwillkürlich sich darbietenden Combinationen und in einer gewissen Ausdehnung von unserer Fähigkeit, sie willkürlich zu combiniren.^4
Wie du siehst, lieber Max, interessierte mich weniger deine Theorie sozialer Dynamik, mit der sich bereits Viele hilfreich befassten, als deine Erschließungsmethode. Dass Idealtypenformulierung die Antwort auf eine Frage schien, die ich mir zu dem Zeitpunkt noch gar nicht gestellt hatte, war einfach zu verlockend, um humanwissenschaftlich übersehen zu werden! Für das erhoffte Ergebnis nahm ich gern in Kauf, Brüche im Zeitgefüge bewältigen zu müssen, die sich daraus ergeben, dass du nicht mehr lebst. Ich spekuliere optimistisch, dir würde gefallen, dass ich nicht dem wissenschaftlichen Helden berichte, der du erst wurdest, sondern dem Theoretiker, dessen Arbeitsweise mich zum Zweck meiner eigenen Forschung interessiert.
Ich würde meine Theorie nicht herausposaunen, wenn ich sie nicht immer noch für eine gute Idee hielte. Sie fühlte sich schon in der Sekunde unmittelbar treffend an, als mir endlich ein vollständiger Name für sie einfiel: Anthropologischer Grabenbruch samt Schlüsselspezies Aufklärer (AGsSA). Aber seien wir ehrlich, lieber Max, kein noch so treffendes Gefühl sagt dir, ob du dich nicht irrst, ob deine Lösungsidee sachlich aufgeht! Meine Namensschöpfung mochte mir ja viel sagen, sie schien mir aber, wenn ich anfangs versuchte, sie von auβen zu betrachten, noch recht kryptisch. In der Lage wirkte folgende Aussage des Wissenschaftsjournalisten Steven Johnson wiederholt als mentale Stärkung bei der Durchführung meiner Forschungsaufgabe:
Etwas an unserer Vorstellung von guten Ideen lässt die Sprache Kapriolen schlagen, und wir versuchen, das sensationell Neue auch in den Worten widerzuspiegeln, mit denen wir es beschreiben. [...]. Wenn wir das Geheimnis lüften wollen, müssen wir uns zunächst von einem althergebrachten Missverständnis befreien: Eine Idee ist nichts Singuläres. Sie ist eher so etwas wie ein Schwarm.[5]
Eine sozialtheoretisch faszinierende Vorstellung, nicht wahr, lieber Max: eine Idee wie ein Schwarm? Aber tatsächlich besteht allein der Name meiner idealtypischen Theorie, deren Zustandekommen ich rekonstruieren und sie mir damit erklären will, aus drei Komponenten, die zu verschiedenen Zeitpunkten aufkamen, bevor sie sich zu einer Einheit verdichten konnten: 2015 skizzierte ich intuitiv eine Geländestruktur auf ein Forschungsplakat, neben die ich Anthropologischer Grabenbruch schrieb, 2019 sprach ich erstmals gegenüber einem Professor, bei dem ich studierte, vom Aufklärer als einem geplanten Idealtypus, und um die Jahreswende 2019/2020 begann ich meinen Testtypus Aufklärer als die Schlüsselspezies dieser Bruchzone zu denken. In dieser Konstellation blieb die Vorstellung, die ich mit dem Namen ausdrückte, robust. Aus heutiger Sicht behielt ich mit dem Namen meiner Theorie auch diese selbst bei, weil die meisten Leute, mit denen ich darüber sprach, meine Formulierung nicht allzu irritierend fanden – mit ihr konnte ich also kommunizieren, worauf ich noch immer andere aufmerksam machen will. Dass Formulierungen toleriert werden, ist zwar kein Wahrheitsbeweis, aber der Witz an Theorie ist ja gerade, dass was wahr ist, nicht Theorie sein kann, es sich aber, um sie prüfen zu können, lohnt, denkspielerisch so zu tun!
Ich fasse, bevor die Geschichte zu unübersichtlich wird, mal zusammen, lieber Max: Da ich in Sachen AGsSA weder beim Fühlen noch beim Philosophieren stehenbleiben wollte – nicht, dass da ein Missverständnis aufkommt, lieber Max: ich halte beides für wissenschaftlich unerlässlich, aber eben nicht hinreichend! – musste ich Zweifeln nachgehen. Würde das Lösungspotenzial meiner Philosophie des Ganzen aufgehen, sich also diese Theorie verbal schlüssig genug ausdrücken lassen? Bei einer Theorie, lieber Max, geht es um ein besonderes Gefühl, eines, das dir charakteristisch scheint für ein Objekt oder Phänomen, das dich so fasziniert, dass du es nicht lassen kannst, herausfinden zu wollen, was es verursacht! Beim Durchführen meiner Forschung ging ich davon aus, dass meine Theorie eines anthropologischen Grabenbruchs, an dem die Schlüsselspezies Aufklärer lebt, a) einem in sich einheitlichen Gedankenbild und b) einer idealtypisch skizzierbaren Lage entspricht, die c) nachweislich realistisch belastbar fundiert ist. Etwas in meiner Studien- und Forschungsumgebung musste mich zur Vorstellung dieser idealtypischen Lage angeregt haben: aber was?
Konkretisierung des Forschungsauftrags
Glücklicherweise halfen die Überlegungen zweier Forschender mir dabei, meine Aufgabe näher zu konkretisieren: Sieh', lieber Max, wie Rupert Riedl und Peter Krall[6] mit dem Problem umgehen, dass man etwas erkennt und nicht weiß, warum genau. Sie nutzen den Begriff Erkenntnisweg für eine wissenschaftlich zu begründende Vorgehensweise und den Begriff Erklärungsweg für die Frage, auf welche Bedingungen sich der Zusammenhang zurückführen lässt, den man zu erkennen denkt. Die angeborene Ausstattung des Menschen böte auf beiden Wegen so viele vorbewusste Lösungsfindungen, geben sie zu bedenken, dass leicht ein Zusammenhang erkannt werde, ohne dass Erkennende dies überhaupt als Vorgang wahrnähmen. Wer nach einer Erklärung suche und erst dann merke, dass es etwas zu erkennen und beschreiben gibt, habe den Zusammenhang schon hergestellt.[7] Sie verdeutlichen:
Es liegt in der Natur der Sache, daß wir nicht leicht hinter den Punkt zurück können, an dem wir Zusammenhänge schon für selbstverständlich halten, ohne wahrzunehmen, daß wir in der Flut an Reizen den Zusammenhang erst finden müssen.[8]
Erkenntnisweg und Erklärungsweg liefen einander entgegen, erklären sie, da Erkennensvorgänge von Einzelwahrnehmungen zum allgemeinen Bild führten, Erklärungen hingegen vom Allgemeinen zu Fällen.[9] Wäre die Vermutung von Riedl und Krall realistisch, was mir aus Erfahrung plausibel scheint und dem neurowissenschaftlichen Stand der Forschung nach nicht abwegig ist, läge zwischen dem Haben einer Theorie und ihrem sachlich begründeten Zustandekommen ein mit heutigen sozialwissenschaftlichen Sehgewohnheiten irritierend unzugänglicher Zeitraum oder Fundort, und müssten die Komponenten meines Eindrucks schon gemeinsam in mir anspielbar gewesen sein.
Was also lag dem Schwarm von Ideen, der meine Theorie gebildet hat, sowohl in mir selbst als auch in meiner Studienumgebung zu Grunde? Ich wollte ihn in der Umwelt seines Entstehens einfangen, lieber Max, um herauszufinden, warum ich ihn AGsSA nannte, warum ich bei dieser Bezeichnung blieb, und ob ich es weiter bleiben will! So skeptisch ich selbst es konnte, wollte ich prüfen, ob sein Zusammenhang auch wissenschaftlich Sinn ergibt. Nur auf den ersten Blick plausibel klingende Erklärungen reichten mir nicht. Direktes Einleuchten macht Sinn, solange dir Zeit oder Mittel fehlen, um zu überprüfen, ob Erklärungen effektiv stimmen können – fragst du aber mich, lieber Max, ist es das Notfallprogramm. Das hast du wohl ähnlich gesehen? Was du, wie oben zitiert, über deine Methode Idealtypenformulierung sagtest, setztest du jedenfalls mit folgenden Worten fort:
In seiner begrifflichen Reinheit ist dieses Gedankenbild nirgends in der Wirklichkeit empirisch vorfindbar, es ist eine Utopie, und für die historische Arbeit erwächst die Aufgabe, in jedem einzelnen Falle festzustellen, wie nahe oder wie fern die Wirklichkeit jenem Idealbilde steht [...].[10]
Du hieltest also wiederholte Prüfungen auf realistische Belastbarkeit für absolut nötig. Kein Wunder lieber Max, da du ja einem plausiblen Argument nicht ohne Weiteres ansiehst, ob es real funktioniert – es also aus wissenschaftlicher Sicht noch immer oder in jeder Umwelt sticht! Wer möchte im Ernstfall nicht realistisch belastbar informiert sein, um sein eigenes Handeln entsprechend steuern zu können?
Von dieser rhetorischen Frage, auf die (obwohl ich selbst nur eine ehrlich geben kann) verschiedene Antworten möglich sind, zur praktischen Lösung meines von Riedl und Krall erklärten Problems: Fragst du mich, verhalten sich menschliche Verstände auf Erkenntniswegen wie Fische in einer Reuse – egal, welche Schleifen du drehst, selbst gehabte Erkenntnisse lassen sich nicht hintergehen. Zurück in die Umwelt des Entstehens meiner Theorie konnte ich nicht, wohl aber rekonstruktiv vorgehen.
Ich stellte mir dazu nützlich vor, Johnson hätte Recht und dachte – wie ich heute weiβ, zu schlicht – ich müsste nur die mir wesentlich scheinenden Fische des Schwarms, der meine Theorie initial konstituiert haben müsste, in der Reihenfolge ihres Aufkommens zusammentragen. Eine naive Theorie, lieber Max, ist ja zunächst einmal ja nur eine Idee, die, um als Theorie gelten zu können, sauber formuliert werden muss, um später philosophisch auf logische Schlüssigkeit und wissenschaftlich auf realistische Belastbarkeit geprüft werden zu können.
Glücklicherweise übersah ich zu dem Zeitpunkt noch nicht, wie schwierig es sein würde, sowohl Erkenntnis- als auch Erklärungsweg bewusst getrennt in nur einem Fokus zu halten, wenn, wie im wirklichen Leben, laufend Erkenntnisse nachquellen, von denen die relevanten selektiert und relativ zu älteren bewertet werden müssen. Sonst wäre mir wohl folgende auf die harte Tour erworbene Erkenntnis entgangen: Sammelst du gefangene Fische einfach der Reihenfolge ihres Reinschwimmens nach wieder aus der Reuse, riskierst du den gesamten Fang zu verlieren. Die eben noch fassbar scheinende Gestalt deiner Theorie verlöre ihre Struktur. Das Risiko, selbst zu zerstören, was ich mit der Formulierung AGsSA so knapp und treffend wie möglich kommunizieren zu können erwartete, war vermutlich ziemlich hoch! Was die Selbstintegrität meines Forschungsfalls bewahrte, wird wohl die Gewohnheit gewesen sein, meine Intuition fest an der langen Leine meines wohlwollend skeptisch funktionierenden Verstands laufen zu lassen. Ich gehe, kurz gesagt meist davon aus, dass daran, was ich zu erkennen glaube, was dran ist, bin aber jederzeit bereit, doch nicht zielführende Wege zu verlassen.
Optimistisch ging ich also zuerst von den drei Komponenten Anthropologischer Grabenbruch, Idealtypus Aufklärer und Schlüsselspezies Aufklärer als Kern meiner idealtypischen Theorie aus und setzte voraus, dass sie sich zwar qualitativ deutlich unterscheiden, einander aber gleichrangig sein sollten und jede davon unverzichtbar sein müsste. Ich erinnere zwar nicht, dass mir das explizit bewusst geworden wäre, als ich es entschied, lieber Max – freue mich aber jetzt, da ich das Ergebnis kenne, über die gefallene Wahl. Von den drei Kernkomponenten meiner idealtypischen Theorie und ihrem Augenhöheverhältnis aus suchte ich weitere theoriekonstitutive Komponenten. So fand ich heraus, wie belastbar meine Theorie einer an, mit und von einer grundsätzlichen Verwerfung lebenden Schüsselspezies im Universum menschlicher Vorstellungen von menschlichem Leben war.
Das Prognoseproblem der Gesellschaft
Deine Rolle als Adressat meines Berichts, lieber Max, beschränkt sich nicht darauf, mich als Experte für Idealtypenformulierung beim Rekonstruieren zu begleiten: Ich stelle mir auch hilfreich vor, du würdest wissen wollen, was aus der Gesellschaft, deren Funktionieren dich deinerzeit so interessiert hat, dass du sie dir idealtypisch erschlossen hast, heute geworden ist. Du sprichst ja von historischer Arbeit und vielleicht wird dich wundern, wenn ich in späteren Briefen darauf zu sprechen komme, dass dein historisch-soziologisches, dein menschheitsgeschichtlich orientiertes Forschungsselbstverständnis zumindest in manchen sozialwissenschaftlichen Disziplinen ziemlich aus der Mode gekommen ist! Du warst nämlich auf zeitlich von Ursache zu Wirkung Abgelaufenes aus:
Soziologie (im hier verstandenen Sinn dieses sehr vieldeutig gebrauchten Wortes) soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will.[11]
Weil mich – anders als dich, lieber Max – primär anthropologisches, also humanwissenschaftliches Interesse motiviert, hatte ich im Sinne meines rekonstruktiven Projekts deine Definition meinem Bedarf angepasst:
Anthropologie (im hier verstandenen Sinn dieses kulturwissenschaftlich reduzierter gebrauchten Wortes) soll heißen: eine alle Fachdisziplinen nutzende Wissenschaft, welche menschliches Handeln theoretisierend (als eine Variante von deutend) verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will.
Ansonsten aber frage ich mich heute genau wie du damals, lieber Max: Wie sind wir hierhin gelangt? Ich denke, es hat mit charakteristischen Merkmalen unserer Spezies zu tun. Als ich dich vorn bat, Moderne und Anthropozän gleichzusetzen, tat ich das, um unsere historische Distanz voneinander nutzen zu können – in einer Sache, die alle jetzt und zukünftig lebenden Menschen betrifft. Zweifellos lebtest du auf dem gleichen Planeten wie ich. Aber von meinem historisch jüngeren Standort aus gesehen umschlieβt die moderne Gesellschaft, deren Zustandekommen im von dir erlebten Zustand dich so interessiert hat, dass du deine Gesellschaftstheorie formuliertest, ein viel weiträumigeres Zeitalter: Das Anthropozän.
Stell' dir die Phase, in der unsere Spezies aktuell ist, einfach als einen Modus vor, den die Erde mit und wegen unseres insgesamt unabgestimmten Handelns erleben würde, wenn denn ein Planet etwas erleben könnte. Könnte er es entgegen aller wissenschaftlich zu bietenden Sicherheit doch, hätten Erde und Mensch ein ernstes Beziehungsproblem, bei dem wir im Streitfall den Kürzeren ziehen würden. Der Geologe Steven M. Stanley sagt:
Bedauerlicherweise ist es heute so, dass die Erde in ein einzigartiges Intervall des Massensterbens eintritt: ein Massensterben, das wir Menschen sowohl durch die Ausrottung von Arten als auch durch Umweltveränderungen verursachen. Da diese Krise auf uns zukommt, sind Erfahrungen aus der geologischen Überlieferung durchaus von Nutzen. Die Untersuchungen vergangener biotischer Krisen geben uns Einblick in die wesentlichen Ursachen der Massenaussterben und liefern Hinweise, wie wir unser Verhalten ändern müssen, um so die Auswirkungen der bevorstehenden Krise zu verringern. [12]
Das klingt, wenn du es ernst nimmst – und das tue ich, lieber Max – nicht danach, als könnten wir den enormen Druck, den der Anthropozänmodus inzwischen erzeugt, erfolgreich aussitzen. Es scheint, als müsste unsere Spezies ihr eigenes Überleben schützen, indem sie wieder erdsystemkompatibel wird. Nimm' bitte die Idee nicht allzu wörtlich, lieber Max: von einer Spezies erwarte ich keinen persönlichen Verstand. Aber immerhin scheinen wir die erste Spezies zu sein, deren Exemplare sich vorstellen können, das Überleben der eigenen Art zu schützen sei nötig. Doch woher sollten wir wissen, ob wir nicht als insgesamt unkoordiniert agierende Menschen sogar das bisher bestmögliche herausgeholt haben? Bedenke, lieber Max, dass es vor uns noch nie staatenbildende Primaten gab!
Das kapitalistische Betriebssystem läuft übrigens noch immer. Tatsächlich wirtschaftet sogar nahezu keine Nation mehr nicht kapitalistisch. Täglich beobachte ich die Kolonisierung konsumierwilliger Leute, woran die meisten von uns tätig und leidend beteiligt sind! Noch ist darüber zu sprechen, beruflich der Umwelt zu schaden, von der wir letztlich alle leben müssen, für viele tabu. Bis tief ins tägliche Leben funktionieren fast alle von uns – wir sind, Stand 15. November 2022, 8 Milliarden! – mehr oder weniger gut angepasst an die kapitalistische Moderne. Unsere Spezies hat schon ein Vielfaches der Biosphäre der Erde in Technosphäre transformiert. Ich weiβ nicht, wie viele Termiten aktuell auf unserem Planeten leben, lieber Max, bin aber mit der Tatsache vertraut, dass ihre Bauten nachhaltig, also erdsystemkompatibel sind und dass das auch für Abfälle gilt, die sie hinterlassen.
Tatsächlich glaube ich nicht, unsere Art stünde kurz vor dem Aussterben: die würde wohl schon mit vielleicht 1000 Exemplaren überleben, da sie sich ja bisher als enorm anpassungsfähig an fast alle Lebensräume der Erde erwies. Nein. Ans Aussterben denke ich nicht, halte es aber für vernünftig, dass wir dringend, allerdings diesmal wissenschaftlich bewusst, wieder Erdsystemkompatibilität anstreben.
Noch schwieriger als mir vorzustellen, dass unsere Spezies wieder erdsystemkompatibel wird, fällt mir eine Vorstellung davon, wie wir gleichzeitig Erdsystemkompatibilität und demokratische Verhältnisse unter den Milliarden von uns erreichen könnten! Unter totalitären Verhältnissen zu leben möchte ich mir nämlich nicht vorstellen und glaube auch nicht, dass rechtloser Untertan zu sein ein global mehrheitsfähiger Wunsch ist. Angesichts vieler erbittert geführter Diskussionen um freien Willen scheinen mir weder politisch totalitär noch theokratisch Regierungsformen zu sein, die der mentalen Flexibilität von Exemplaren unserer Spezies gerecht würden. Uns artgerecht zu halten oder nicht haben wir selbst in der Hand.
Aus welcher Lage ich das Verhältnis zwischen Anthropozän und Moderne beobachte, betrifft also dich soziologisch und mich anthropologisch, lieber Max. Für meine Forschungsweise ist der Zeitabstand unserer Lebensrealitäten entscheidend: In einer, was gesellschaftliche Brüche betrifft, trägeren Phase oder Umwelt fielen die paar Jahre, die uns trennen – meine Eltern wurden um die Zeit geboren, als du starbst – kaum ins Gewicht.
Ganz anders aktuell: Der geologische Wandel, der von uns ausgeht, und die daran ursächlich beteiligte wissenschaftliche Erkenntnisfrequenz verhalten sich schwindelerregend dynamisch. Stell' dir vor, wir fliegen inzwischen tatsächlich mit Raumschiffen ins Weltall!
Und realisieren immense Umweltschäden durch menschlichen Einfluss und die drastischen sozialen und kulturellen Konsequenzen, die daraus resultieren. Wie konnten wir die Bedrohung übersehen, die sich da auftürmt? Keine der heute dominanten sozialwissenschaftlichen Sozialtheorien globaler Skala, einschließlich deiner, hat uns die prekäre Lage, in die wir gerieten, prognostiziert. Wie kann das sein?
Denn ehrlich gesagt, lieber Max: gute Science-Fiction und nur in gewisser Hinsicht billige Katastrophenfilme haben mich besser auf Einiges inzwischen Alltägliche vorbereitet: Stell' dir vor, ich spreche oft in Echtzeit mit anderen per Videochat und halte mit ihnen Konferenzen ab, als säßen wir tatsächlich zusammen – und zwar unabhängig von unserer tatsächlichen Entfernung! Inzwischen schreibt – statt wie bisher üblich menschliche Ghostwriter – immer öfter eine Technologie namens Künstliche Intelligenz Abschlussarbeiten für Studierende, die sich die Arbeit nicht selbst zumuten. Fragst du mich, ist es ein typischer Fall von Ko-Evolution, dass sich entsprechend Lehrende, die Studienarbeiten bewerten müssen, die Zähne daran ausbeiβen, herauszufinden wer oder was eine Arbeit schrieb oder nicht.
Also sahen diejenigen, die später zutreffende Science-Fiction schrieben, doch ganz gut voraus, wohin der soziale Hase laufen wird? Warum also, lieber Max, leistet Sozialwissenschaft oft nicht, was ein wesentlicher Grund ist, aus dem sich Gesellschaft Wissenschaft leistet: überzufällig verlässliche Prognosen?
Ein Vorschlag zur möglichen Entschärfung des Prognoseproblems
Was läuft unter diesem entscheidend kritischen Aspekt bei Science-Fiction besser? Kann es sein, dass Sozialtheorie nicht auf wissenschaftlich aktuellem Stand ist, weil die meisten Forschenden da nicht hinschauten, wo basale Erklärungen für heutige menschliche Sozialformen liegen müssten: in unsere natürliche Umwelt und Richtung Evolutionstheorie? Ich denke, das ist so.
Wenn du mich fragst, beobachten wir mit den global skalierten sozialwissenschaftlichen Theorien das Forschungsobjekt Mensch zu isoliert von den natürlichen Realitäten jedes organischen Lebens. Und ich ahne, woran das liegen könnte: Jede heute gängige Sozialtheorie, bis hin zur aus meiner Sicht distanziertesten, der Theorie Funktionale Differenzierung von Niklas Luhmann, basiert historisch – nicht unbedingt tatsächlich, lieber Max, da seine Erkenntnistheorie kennen muss, wer auch meint, was er wissenschaftlich sagt – auf der Erkenntnistheorie der Philosophischen Anthropologie. Und die trennt Mensch am Phänomen Kultur vom Rest der belebten Welt. Sehr sapiens, lieber Max, erscheint es mir nicht, Sozialtheorien mit Allgemeingültigkeitsanspruch nicht für realistische Bedingungen fit machen zu wollen.
Nicht umsonst berichte ich dir als dem Original unter den Handlungstheoretikern von meiner Forschung. Mich lockte der pragmatische Realismus, mit dem du dich auf die Selbstverständlichkeit stütztest, dass ohne Jemande im sozialen Spiel niemand handelt. In Sachen Soziologie gabst du dich mental ähnlich unbescheiden wie ich in Sachen Anthropologie; du schriebst:
»Handeln« soll dabei ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden.
»Soziales« Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist [...].[13]
Hier konkretisierst du das ziemlich zugespitzt:
Soziales Handeln (...) kann orientiert werden am vergangenen, gegenwärtigen oder für künftig erwarteten Verhalten anderer (Rache für frühere Angriffe, Abwehr gegenwärtigen Angriffs, Verteidigungsmaßregeln gegen künftige Angriffe). Die »anderen« können Einzelne und Bekannte oder unbestimmt Viele und ganz Unbekannte sein.[14]
Alles hier von dir Zitierte zusammengenommen, verstehe ich dein Anliegen so: Soziologie solle daran arbeiten, soziales Handeln zu interpretieren, um es innerhalb gesellschaftlicher Prozesse ursächlich verstehen zu können.
Konkretes Erkenntnis- und Forschungsinteresse
Mir ist nun wichtig, lieber Max, dass meine anthropologische und deine soziologische Sicht auf eine Frage hinauslaufen, die mich schon sehr lange fasziniert: Wie funktioniert Mensch? Inzwischen fokussiere ich mich noch zugespitzter: Im Sommer 2024 sprach ich an der Humboldt Universität in Berlin erstmals öffentlich in einer kleinen, musiktheoretisch fundierten Community über das evolutionäre Phänomen charakteristisch menschlicher Verstand und traute mich, offen zu vermuten, dass zum akut bekannten Stand der Wissenschaft animistisch zu simulieren der Kopierprozess kultureller Evolution ist.»[15]
Darwin hielt weder Phantasie noch Verstand für exklusiv menschliche Charakteristika. In seiner Arbeit Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl[16] schrieb er: «dass zwischen dem Menschen und den höheren Säugethieren kein fundamentaler Unterschied in Bezug auf ihre geistigen Fähigkeiten besteht»; er schrieb:
Unter allen Fähigkeiten des menschlichen Geistes steht, wie wohl allgemein zugegeben wird, der Verstand obenan. Es bestreiten nur wohl wenige Personen noch, dass die Thiere eine gewisse Fähigkeit des Nachdenkens haben. Fortwährend kann man sehen, dass Thiere zuwarten, überlegen und sich entschliessen.
Bis auf einen kritischen Punkt stimme ich ihm entschieden zu – hätte er mit der Einschätzung richtig gelegen, dass seinerzeit nur noch wenige Menschen Tieren nachzudenken abgesprochen hätten, müsste mich heute nicht wundern, warum naturwissenschaftliches Forschen wissenschaftlich strikteren Regeln folgt als sozialwissenschaftliches.
Um auf global skalierte Sozialtheorie zurückzukommen, lieber Max, ist neben den heute sozialwissenschaftlich dominanten eine weitere, sehr aussichtsreiche greifbar: die Theorie Kulturelle Evolution. Sie erwies sich schon öfter als nützlich und könnte – in aufmerksam zu klärender Verbindung mit biologischer! – die Palette aussichtsreich ergänzen. Da sie jedoch weitestgehend ignoriert wird, ist es eben keine sozialwissenschaftlich gängige Theorie. Warum nicht, wenn – was ich voraussetze – heute kaum jemand wissenschaftlich bezweifeln dürfte, dass wir eine biologisch evolvierte Art und die einzige Spezies staatenbildender Primaten sind?
Fragst du mich, lieber Max, hat die Theorie Kulturelle Evolution das Zeug, als in sich moralfreie global skalierte Sozialtheorie akzeptiert zu werden. Um damit überprüfbare Erklärungsansätze zu generieren, müsste für jeden einzelnen Forschungsfall das Verhältnis zwischen historisch-soziologischen Erklärungen für ein bestimmtes Handeln und Erklärungen, die ein solches Handeln kulturell evolviert nennen, geklärt und so ihre Funktionalität optimiert werden.
Wo stehen wir und was erwartet dich?
So, lieber Max. Ich denke, mit Riedls und Kralls Ausführungen zu Erkenntnis- und Erklärungsweg, Ecos und Johnsons Überlegungen über Geheimnisse, deinem Rezept für Idealtypenformulierung und meinem Forschungsmotiv vor Augen verstehst du mein Projekt und dessen Konzept: Unser historischer Abstand voneinander bot die Kontrastumgebung, in der ich meinen Erkenntnisweg rekonstruieren und einen möglichen Erklärungsweg für meine anfangs naive idealtypische Theorie finden konnte. Und du hast als Simulation des bestmöglich qualifizierten Lesers das Formulieren meines Berichts mit disziplinierender Wirkung begleitet.
Zum Forschungsergebnis, lieber Max, machte ich mich nicht klüger auf, als eine Zelle auf ihrem Weg zum Zielgebiet: etwas reizte mich und ich folgte dessen Spur. Gleichzeitig setzte ich voraus, müsse wissenschaftlich ein gutes Stück weit erschlieβbar sein, was einen Menschen, der etwas ihn Faszinierendes hartnäckig zu verstehen versucht, von einer seiner neuronalen Stammzellen unterscheidet.
Inzwischen ist kein Geheimnis mehr, warum ich in diesem Studium blieb. Unter dem Rekonstruktionsdruck und meiner skeptischen Beobachtung aus ökologisch-anthropologischer Sicht wurde die Theorie Anthropologischer Grabenbruch samt Schlüsselspezies Aufklärer robust.
Der ehemalige Schwarm hält nun hierarchisch geordnet so zusammen, dass er unter dem Gegenwind skeptischer Fragen nicht sofort auseinanderstiebt. Der Name Anthropologischer Grabenbruch bezeichnet in meiner Vorstellung ein Phänomen, das wie folgt entsteht: Da ökologisch gesehen nicht daran zu rütteln ist, dass jeder Organismus jede seiner Wahrnehmungen selbst deutet, besteht zwingend Interpretationsfreiheit. Aus dieser natürlich evolvierten Gegebenheit resultieren laufend Brüche in menschlichen Vorstellungen darüber, wie menschliches Leben gelebt wird oder werden sollte. Das hieße – und das ist entscheidend wichtig, lieber Max! – dass diese Verwerfung nur einen Ursprung mit Milliarden lebendigen Quellen hätte und dass es dabei sowohl um kulturell als auch organisch Überliefertes geht!
Den Bruch spreizen zwei inkompatible, allerdings erkenntnistheoretisch entscheidende Vorstellungen darüber, was Anthropologie und Sozialtheorie sein bzw. in der Gesellschaft bewirken und daher beforschen sollten. Der Idealtypus Aufklärer funktioniert innerhalb meiner Theorie über seine zwei antagonistischen Varianten: a) Hirte und b) Einhandsegler, die sich dadurch unterscheiden, ob er (Fall a) in erster Linie andere oder (Fall b) primär sich selbst aufklären will.
Im Zuge der Rekonstruktion meiner Theorie entdeckte ich, welche Erkenntnistheorie es mir schon im Studium ermöglichte, natur- und geisteswissenschaftliche Zulieferungen integriert zu verarbeiten. Exakt als mir klarwurde, welcher Natur sie ist, nannte ich sie Ökologische Anthropologie! Ist es nicht seltsam, lieber Max, wie einfach ein langjähriger Reizpunkt einleuchtet, wenn was ihn triggert, erstmal schlicht und klar genug benannt ist? Eco sagte ja, beim Aufklären eines Geheimnisses hättest du eine Anzahl scheinbar unverbundener Tatsachen vor dir und müsstest versuchen, sie sich als gleich viele Einzelfälle eines allgemeinen, dir unbekannten und vielleicht noch nie formulierten Gesetzes vorzustellen. Ich denke, mein persönliches Motiv – dass ich nämlich hoffte und immer noch hoffe, die Sichtweise Ökologische Anthropologie würde zukünftig häufig angewendet – entspricht so einem allgemeinen Gesetz nach Eco, lieber Max. Vermutlich hielt vor allem die Tatsache, dass ich darin ein nur von allen Wissenschaften gemeinsam realistisch erreichbares Fernziel erkannte, mich so lange im Forschen, bis ich mit Fertigstellung dieses Berichts meine Theorie endgültig formuliert hatte.
Läuft übrigens alles wie geplant, liest diesen Bericht auch ein Promotionsausschuss! Dass ich mein Berichtskonzept zur Promotion einreichte und ein Go erhielt, disziplinierte die Vorstellung noch einmal strikter, vielleicht doch nicht schaffen zu können, was ich schaffen zu können versprach. Am Ende des Projekts muss ich entweder voll hinter allem Berichteten samt meiner dann ausformulierten Theorie stehen oder sie teilweise oder sogar komplett verwerfen.
Nun, lieber Max, noch schnell zum Organisatorischen: Nach dem heutigen Brief 1, INDUKTION – Der Forschungsauftrag, dessen Inhalt du nun kennst, erwarten dich neun weitere: Brief 2 heiβt 2012 KULTURSCHOCK – Der Forschungsanlass, da die Umwelt des Entstehens meiner Theorie charakterisiert, dass mich direkt zu Studienbeginn ein veritabler Kulturschock mit nachhaltiger Wirkung erwischt hatte, an dem mich aus späterer Sicht am meisten überraschte, dass es dazu überhaupt kam. Brief 3 heiβt 2013 REALITÄT – Die Forschungsperspektive, weil ich meine, dass – egal ob jemand entsprechend geisteswissenschaftlicher oder adaptiv zu naturwissenschaftlicher Tradition forscht – Wissenschaft realistisch belastbare Information für prinzipiell jedes Mitglied der globalen Bevölkerung generieren soll. Idealerweise sollte jede Person, wann immer nötig, best-mögliche Information bekommen, um ihr eigenes Handeln, Dulden und Unterlassen so gut es geht, steuern zu können. Brief 4 heiβt 2014 (RE)-KONSTRUKTION – Das Forschungsdesign, weil Konstruktivismus auf beiden Seiten des Anthropologischen Grabenbruchs für demokratische Verhältnisse erkenntnistheoretisch bedingt unterschiedlich kultiviert wird. Brief 5 heiβt THEORIE – Die Forschungsqualität, weil ich der Meinung bin, dass wissenschaftskulturell unterschiedliche Qualitätsansprüche an Theorie Studierenden und der Gesellschaft, für die geforscht wird, explizit gemacht werden müssen. Brief 6 heiβt 2016 VERGLEICHEN – Die Forschungsstandardprozedur, weil nicht nur keine Wissenschaft, sondern kein einziger Wahrnehmungsprozess nicht auf Vergleichen neuer Eindrücke mit bereits vertrauten basiert. Brief 7 heiβt 2017 MENSCH – Das Forschungsobjekt, weil unsere Spezies aus ökologisch-anthropologischer Sicht zu analysieren, hilfreichen Erkenntnisgewinn im Hinblick auf die für immer mehr Menschen prekär werdende Anthropozänlage verspricht. Brief 8 heiβt 2018 VERSTEHEN – Das Forschungsziel, weil wohl der Mehrheit des sozialwissenschaftlich forschenden Nachwuchses nicht mehr bekannt ist, dass die Methode der geisteswissenschaftlichen Tradition zu forschen Verstehen hieß. Brief 9 heiβt 2019 NUTZEN – Das Forschungsmotiv, weil ich glaube, dass durch wissenschaftlichen und damit verbunden technischen und konzeptionellen Fortschritt Nutzen zu generieren sapiensweit der entscheidende Trigger sozialer Dynamik ist. Brief 10 heiβt INTEGRATION – Das Forschungsergebnis. Um dasjenige darunter, das dich, lieber Max, am meisten interessieren dürfte, vorwegzunehmen, fand ich heraus, dass das Potenzial deiner Theorie sozialer Dynamik noch weitenteils ungenutzt ruht, solange deine Theorie bloß entweder Rationalisierungs- oder Protestantismusthese genannt wird! Via Handlungstheorie lassen sich nämlich, sofern mich nicht alles täuscht, angesichts des heutigen Stands der Wissenschaft, Evolutionstheorie und Systemtheorie widerspruchsfrei verbinden!
Nun fühl' dich herzlich eingeladen, lieber Max, über die kommenden neun Briefe zu beobachten, wie sich meine idealtypische Interpretation vom Wirken sozialer Kräfte erstmals voll entfaltete!
Im kommenden Brief erfährst du, wie ich von heute aus auf das erste Studienjahr in Zürich blicke und erhältst einen ersten Explorationsbericht direkt aus dem Feld, der dir zeigt, woran meine mentale Anpassungsbereitschaft versagte. Nebenbei informiere ich dich, wie ich das Problem der gegenläufigen Pfade von Erkenntnis- und Erklärungsweg anging.
Nun grüße ich dich herzlich und verabschiede mich bis zum nächsten Brief!
Quellen und Literatur
Darwin, Charles (1875): Die Abstammung des Menschen (Drittes Capitel. Vergleichung der Geisteskräfte des Menschen mit denen der niederen Thiere.), dritte gänzlich umgearbeitete Auflage, Stuttgart: E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch); am 20.03.2020 gezogen aus: https://de.wikisource.org/wiki/Die_Abstammung_des_Menschen_und_die_geschlechtliche_Zuchtwahl_I/Drittes_Capitel
Eco, Umberto (1986): Der Name der Rose, 42. Auflage, München: Carl Hanser Verlag.
Garrels-Nikisch, Antje (2015): Eine Studienreise durch Populäre Kulturen (unveröffentlichte Studienarbeit zum Bachelor-Abschluss), Universität Zürich, Zürich. Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft.
Johnson, Steven (2016): Wo gute Ideen herkommen. Eine kurze Geschichte der Innovation, 4. Auflage, Bad Vilbel: Scoventa Verlagsgesellschaft mbH.
Riedl, Rupert; Krall, Peter (1994): Die Evolutionstheorie im wissenschaftstheoretischen Wandel, in: Wolfgang Wieser (Hg.): Die Evolution der Evolutionstheorie. Von Darwin zur DNA, Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag, 234 - 266.
Stanley, Steven M. (): Historische Geologie
Weber, Max (1922 (1904): Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Winkelmann, Johannes (Hg.), Tübingen: J.B.C. Mohr.
Weber, Max (1972 (1921/22)): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, 5. revidierte Auflage, Tübingen: J.B.C. Mohr.
Weber, Max (1982 (1920)): Die «Objektivität» sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, in Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen: J.B.C. Mohr.
Weber, Max (1988 (1920)): Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I, Tübingen: J.B.C. Mohr.
[1]: Weber 1988 (1920): 14.
[2]: Eco 1986 Der Name der Rose: 389.
[3]: Weber 1922 (1904): 191, Hervorhebung von Weber.
gezogen am 20.03.2020.
[5]: Johnson 2016: Wo gute Ideen herkommen: 65.
[6]: Die beiden evolutionstheoretisch vorgehenden Anthropologen haben den wissenschaftshistorischen Wandel der Evolutionstheorie unter Einfluss einiger Orientierungswandel rekonstruiert, die Thomas Kuhn mit großem sozialwissenschaftlichen Erfolg Paradigmenwechsel nannte.
[7]: Vgl. Riedl; Krall 1994: Die Evolutionstheorie im wissenschaftstheoretischen Wandel: 235, kursiv von mir.
[8]: Riedl; Krall 1994: Die Evolutionstheorie im wissenschaftstheoretischen Wandel: 236.
[9]: Vgl. ebd.: 237.
[10]: Weber 1982: 191, Hervorhebung von Weber.
[11]: Weber 1972 (WuG posthum 1921/1922): 1, kursiv von mir.
[12]: Stanley, Steven M. (2001) Historische Geologie: 183.
[13]: Weber, 1972 (WuG posthum 1921/1922): 1.
[14]: Weber WuG 1972: 11.
[15]: Aus dem von mir verfassten als Hördokument von Edith Hueck gesprochenen Brief an Carl Stumpf, der als Teil meines Vortrags an der 11. Jahrestagung der Carl-Stumpf-Gesellschaft vom 29. – 31. August 2024 abgespielt wurde.
[16]: Darwin-Zitate aus: https://de.wikisource.org/wiki/Die_Abstammung_des_Menschen_und_die_geschlechtliche_Zuchtwahl_I/Drittes_Capitel, gezogen am 11.10.24.